Got to get away from here.

24. April 2009

Draußen schüttet es wie aus Eimern. Noch vor 5 Minuten hat die Sonne so gnadenlos vom Himmel gebrannt, dass selbst die Vögel aufgehört haben zu singen. Jetzt sitz ich hier in meiner kleinen Kammer, versuche mein T-Shirt vom Schreibtischstuhl zu lösen und überlege ob es das überhaupt wert sei. Aufstehen, das Fenster schließen und die schwüle, tropisch feuchte Luft aussperren. Zumindest die, die sich nicht schon in meiner Wohnung verbreitet hat.

Der Regen kühlt nicht einmal, es scheint vielmehr, dass er nur die logische Steigerung der hohen Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit der Gravitation ist, die das Wasser in solchen Massen vom Himmel herunterdrückt. Ich fühle mich wie ein Insekt im Terrarium einer Eidechse. Ich weiß ganz genau wo ich bin, wie meine Situation aussieht, wie meine Chancen stehen – aber ich kann mich nicht bewegen. Ich will mich nicht bewegen. Ich könnte nachsehen ob es noch etwas zu trinken im Kühlschrank gibt. Kalt wird es nicht sein. Das Eisfach ist schon seit Wochen kaputt, die Temperatur so hoch, dass mein Kühlschrank mehr wärmt als kühlt. Die Technik hat resigniert. Genau wie ich.

Es kommt immer alles zusammen. Alles kommt immer zusammen. Meistens fängt es mit den Menschen an, dann geht das Glück, die Zufriedenheit und kurz bevor es nicht mehr schlimmer geht und man denkt nun alles verloren zu haben packt das Selbstbewusstsein sein Bündel und schwirrt ab. Nicht das es ohnehin nicht schon klein und schmächtig genug gewesen wäre, es erdreistet sich während des gesamten Abstiegs stückchenweise zu schrumpfen und wenn das letzte kleine Fitzelchen durch die Tür nach außen geht diese noch laut zuzuknallen, ein „Tschüss!“ in den nun leeren Raum, der mein Kopf ist, zu werfen und zu verschwinden, als ob es niemals existiert hätte.

Ich zweifel ob es überhaupt jemals existiert hat, oder nicht nur eine Schutzfunktion von mir vor mir selbst gewesen ist, die mir half nicht sofort beim Anblick im Spiegel oder der Beschäftigung mit meinen Gedanken in Tränen auszubrechen und mich in Depressionen zu flüchten.

Ich laufe doch zum Kühlschrank. Natürlich ist er leer.

So leer wie die Abteilung in meinen Kopf, die für klare Gedankengänge verantwortlich ist.

Gerne würde ich behaupten, er sei so leer wie mein gesamter Kopf, aber das ist eine Lüge. Ich würde es mir wünschen, dass mein Kopf so leer sei. Wenigstens annähernd, momentan würde mir sogar nur halb so leer reichen.Wenn nur diese Gedanken nicht wären. Sobald ich mich nicht schaffe abzulenken brechen sie los. Stürmen von allen Seiten auf mich ein, überfallen mich,  lassen meine Beine und Hände zittern, bis sie mich in die Knie zwingen und ich taumelnd zu Boden stürze. Ich versuche meinen Blick auf einen Punkt zu konzentrieren, damit der Raum sich nicht von mir löst. Mein Magen wird flau, krampft sich zusammen und schließlich erbreche ich mich. Schleim, Magensäure, etwas Alkohol und manchmal Blut. Alles was drin ist kommt raus, mein Körper versucht mich auf links zu stülpen. Er zieht die Notbremse. Mit Sirenen in meinem Kopf und einem zittern im ganzen Leib liege ich auf dem Boden. Wenn alles gut geht kann ich dann schlafen.

Tief und fest, fast immer Traumlos. Ich wünschte ich könnte immer schlafen. Die Augen verschließen vor dem was draußen vor sich geht und in mir drinnen auf mich wartet. Ich will es nicht sehen, nicht darüber nachdenken und schon garnicht daran teilnehmen. Ich will raus. Raus aus meinem Kopf, aus meinem Körper, aus meinem Leben und dieser Welt.

Und das ist der Moment wo das Selbstbewusstsein zurückkehrt. Nicht allein. Nein – es kommt nie allein. Zusammen mit seinem besten Freund Zweifel sitzt es vor mir, in mir und lächelt mich an. Es gehört zu mir und als ein Teil von mir weiß es ganz genau wo wir stehen. Ich habe nich den Mut es zuende zu bringen.

Ich wüßte nicht wie. Jede einzelne Möglichkeit habe ich tausend mal durchdacht. Sie von allen Seiten betrachtet, genauestens analysiert und am Ende doch wieder verworfen. Ich habe Angst, Angst vor mir selbst und meinen Gedanken. Ich weiß genau, dass sie in dem Moment wo ich den letzten unumkehrbaren Schritt getan habe, nicht auf meiner Seite stehen. Sie warten nur darauf ihr Bild bestätigt zu sehen, mich anzufallen und im allerletzten Augenblick meines Lebens zu verhöhnen.

Und genau dieses Wissen und diese Angst hält mich davon ab es zu tun. Obwohl ich genau weiß, dass danach alles vorbei sein wird. Für immer.

Ich steigere mich wieder rein. Laufe durch die Wohnung und merke wie sie kommen. Mein Vater, gleich einer heidnischen Gottheit der Zerstörung. Er steht vor mir und schreit. Aber er schreit nicht mich an, diesmal nicht. Ich klammere mich bei meiner Mutter ans Bein. Meine Schwester sitzt am anderen Ende des Raumes. Sie zittert und schluchzt. Mein Bruder liegt in seiner Wiege, noch schläft er. Still, taub und glücklich. Andreas kommt um die Ecke. Sein bescheuerter Freund mit dem makellosen Gesicht grinst mich an. Lächelt mir zu.

Hi, ich bin der neue Freund von Andreas.

Wüsste er wer ich bin, hätte er sich vielleicht überlegt was er zu mir sagt. Ich bekomme Lust sein makelloses Gesicht auf dem Waschbecken zu zerschlagen. Für jedes Jahr, das er zerstört hat einen Schlag. Für jedes Jahr das er jünger ist einen weiteren. Ich bin betrunken und packe ihn am Kragen. Ich weiß ganz genau wer du bist flüstere ich ihm zu. Sehr genau.

Keine Minute später liege ich auf dem Boden. Mein rechtes Handgelenk fühlt sich garnicht gut an und steht in einem ziemlich unnatürlichem Winkel zum Rest meines Armes. Andreas fasselt irgendwas davon, dass ich betrunken sei, dringend Schlaf brauche, runterkommen solle, etc. Scheiße halt. Ich schreie ihn an er soll die Fresse halten, schaffe es irgendwie den Spiegel von der Wand zu reißen und stolpere hinaus. Weg von ihm, weg von dieser Party, die keine ist. Nie eine war und jetzt erst recht keine mehr werden wird. Mein Telefon klingelt und alle Gespräche mit meinem Chef tauchen auf, all die Jahre in der Agentur, das Studium, die Zeit mit Andreas, die gestellte Enttäuschung mit der mein Chef seine Sätze beginnt. Du Daniel, wir müssen dringend miteinander reden. So kann es nicht weitergehen. Du bist wichtig für die Firma, aber du brauchst eine Auszeit. Nimm dir frei, fahr weg, finde dich wieder, deine Ruhe und dann gucken wir wie es weitergeht. Mein Vater liegt vor mir. Zum ersten mal in meinem Leben ist sein Blick nicht voller Hass und Abneigung. Er liegt in seinem Krankenbett, nicht mehr als nur eine fleischliche Hülle. Sein Körper stirbt. Begeht Verrat wie er es vermutlich ausdrücken würde. Sein Blick fleht, seine Augen tränen. Ich weiß nicht ob vor Angst, wegen der Krankheit oder ob er um Verzeihung bitten will. Mir ist es egal. Er ist eine Witzfigur, ein Schatten seiner selbst, völlig unfähig sich zu äußern, sich zu bewegen oder mich zu verletzen. Ich schaue ihm tief in die Augen. Bis er meinem Blick ausweicht. Dann drehe ich mich um und gehe.

Das Telefon zerschellt an der Wand. Im Bad finde ich eine halbvolle Flasche in den Scherben des Spiegels liegen. Wollte sie wegräumen, hab mich geschnitten, geflucht und liegen lassen. 1:0 für den Spiegel.

Ich habe alle Spiegel in der Wohnung zerschlagen, alle Bilder verbrannt.

1:5 für mich.

Ich setze die Flasche an und trinke. Dann halte ich meinen Kopf unters kalte Wasser und warte bis er so kalt ist, dass er Taub wird. Ich schlucke eine Aspirin und schleppe mich zum Sofa. Merke wie die Gedanken rasen. Sich überschlagen und mein Körper sich verkrampft. Ich stell den Fernseher an und dreh ihn lauter. Ablenkung, Ablenkung! Langsam wird mir übel. Ich stoße auf, zwinge mich es zu schlucken und verliere das Bewusstsein.

Endlich stehen die Gedanken. Sie sind still. Besiegt. Ich habe gewonnen.

Für heute.

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