Plötzlich. Nachts.

27. April 2009

Ich hatte Muskelbobby in der Schule kennen gelernt. Er war einer dieser tyrannisierenden, groben Pakete Mensch gewesen, die mit verdunkelten Mienen durch die Gänge schlichen und den anderen Schülern das Leben mit scheinbar unmotivierten Attacken zur Hölle machten. Ich war der schmächtige Brillenträger, der sich für ebenjene Ertüchtigung allzu oft als Objekt benutzen ließ. Bis Muskelbobby – der nicht mehr mochte, wenn man ihn Muskelbobby nannte – sich nach einer trägen Englischstunde vor mir aufbaute. Er beschimpfte mich, schlug mich, trat mich und ich antwortete mit der einzig unwillkürlichen Reaktion, zu welcher ich mich im Stande sah.

Ich tat nichts.

Lies ihn ungeregt auf mich eintrommeln, als wäre ich eine Pauke im Schulorchester. Lachte nicht. Weinte nicht. Atmete. Aber auch das nur schwer. Dann war er fertig, besah sich mit neugierigem Blick meinen gebeugten Körper auf dem grauen Linoleum und schüttelte mit seinem mächtigen Schädel.
„So geht das nicht.“ Sagte er. Zu sich selbst. Zu mir.
Ich stand wortlos auf. Es wäre eindruckvoll gewesen, hätte ich mit Staub vom Hemd klopfen können. Aber der Boden war von der bärtigen Schulputzfrau pedantisch gereinigt worden.
„Und jetzt?“ fragte Muskelbobby. Eine Siebklässlerin, die das Geschehen halb verdeckt durch einen Spint und von seltsamen Ekel beseelt beobachtet hatte, quiekte. Bobby grunzte ihr zu und sie trollte sich.
Ich zuckte mit den Achseln.

Danach war Muskelbobby mein Freund. So sehr, dass ich ihn Muskelbobby nennen durfte ohne die Implifikation, die mit einem derartigen Spitznamen einher ging zu spüren zu bekommen. Wir besuchten das Gymnasium zusammen und ich half ihm durch die Prüfungen in Deutsch und Französisch und er brachte mir Vektorrechnung bei und irgendeine seltsame Umarmung, die er Klingonengriff nannte und mit der man Angreifer unter einem Mindestmaß an Anstrengungen lahm legen konnte.
Ich probierte sie nie aus.

Heute trug ich Kontaktlinsen und Muskelbobby machte Geld. Mit irgendetwas. Mit Geld was aus Geld entsteht und somit mit etwas was mir wesentlich fremd erschien. Ich hatte begonnen zu studieren und hatte es abgebrochen um mich auf die ziellose Sinnsuche zu begeben, die –so glaubte ich mittlerweile – irgendwie ohne Ende und permanent rekursiv war. Bobby hatte sich einen Sportwagen gekauft. Ich hatte Arbeit gefunden und verloren und wieder gefunden. Und Muskelbobby hatte geheiratet. Ich war sechs Wochen in Indien gewesen und Bobby hatte ein Einfamilienhaus am Stadtrand gebaut.
Wir waren in der Mitte unserer Zwanziger.

Dann klingelte mitten in der Nacht mein Telefon. Ich rappelte mich aus dem Tiefschlaf, griff instinktiv zu meiner Brille, sah auf das grüne Quadrat, dass mit entgegen flackerte und nahm ab.
„Bobby? Scheiße es ist mitten in der Nacht.“
„Ja.“ Entgegenete er.
Weiter schien diese Konversation in seinem Kopf nicht gediehen zu sein. Ich wartete.
„Was ist?“ fragte ich schließlich forsch.
Nichts.
„Bobby! Hallo?“
„Nenn mich Richard.“
„Richard. Hallo?“
„Kannst du kommen?“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Was ist?“
„Mir geht’s nicht so gut.“
„Okay.“

Ich streifte meinen Pyjama ab und klaubte die Klamotten vom Vortag von meinem Bürostuhl. Um halb sechs saß ich in meinem Polo. Es musste in der Nacht geregnet haben, durch den Dachhimmel diffundierte die Feuchtigkeit und bildete kleine Tropfen, als weine das Auto um seinen kümmerlichen Zustand. Ich trieb das graue Auto durch die nächtlichen Straßen Berlins, die sich langsam wieder mit Lieferwagen und Frühaufstehern zu füllen begannen. Um sieben rollte ich durch die Einfahrt von Bobbys Haus. Er musste mich gehört haben. Als im Wagen noch nach meinen mitgebrachten Sachen forschte, klackte die Eingangstür und die massige Gestalt von Bobby trat auf die Stufen davor. Er sah aus, wie eine antike Büste im Bademantel. Stark, übergroß. Ich stieg aus.
„Scheiße Bobby, spinnst du jetzt. Was ist denn?“
„Ich weiß nicht. Mir ist nicht gut.“
Ich sah ihn lange an.
„Du hast es erwähnt.“ Sagte ich.
„Ja.“
„Willst Du ins Krankenhaus?“
„Ja.“
Ich bugsierte Bobby unter körperlicher Anstrengung durch die Türöffnung, als hebe ich einen sperrigen Gegenstand in das Auto und startete.
„Ich hab nicht gewusst, wen ich anrufen soll.“ Sagte er.
„Wo ist Tanja?“
„Wer?“
„Deine Frau. Tanja.“
„Oh ja, Tanja.“
„Genau. Wo ist sie?“
Ich begann mich ernsthaft um ihn zu sorgen.
„Sie schläft.“
„Zuhause?“
„In Spanien.“
„Oh Gott.“

Den Rest der Fahrt verbrachten wir schweigend.

Die Sonne hatte das grelle Licht, wie eine omnipräsente Neonröhre über die Stadt verteilt, als ich den Weg zur Notaufnahme hinauf fuhr. Ich schaltete den Motor ab und sah Muskelbobby an.
„Was ist denn mit dir?“
Er überlegte.
„Ich weiß nicht.“
„Wollen wir rein gehen?“
Er sah mich an.
„Nein.“
Jetzt war ich konfus.

„Ist schon gut.“ Sagte Bobby. „Das reicht.“
Ich tat mein Bestes, irgendetwas aus seiner regungslosen Miene herauslesen zu können. Dann klopfte es an die Seitenscheibe. Ein rundlicher Mann in blauen Klamotten stand davor. Ich betätigte die Kurbel.

„Hier können sie nicht parken.“
„Wir parken nicht. Wir wollen in die Notaufnahme.“
„Dann gehen sie doch rein!“
Muskelbobby machte ein Gesicht, wie ein bockiges Kind.
„Wir diskutieren noch.“
„Diskutieren ist hier aber nicht. Gehen sie rein oder verschwinden sie.“
„Verschwinden!“ sagte Bobby.

Also ließ ich den Motor wieder an. Der Keilriemen quietschte, als quälte ich ein Katze unter der Motorhaube. Wir fuhren zurück zu Muskelbobbys Haus.
„Danke.“ Sagte er.
Ich schob meine Brille nach oben und rieb mir die Augen.
„Oh Mann.“ Sagte ich.
„Lass uns was frühstücken.“ Sagte Bobby und wir traten durch die schwere Eingangstür au dunklem Holz und bleiernem Glas.

Vermutlich hatte es hier begonnen.

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