Elegie bleu.

7. Juni 2009

Sonntag, 7. Juni 2009
16:06 Uhr

Ich habe noch drei Zigaretten in meiner Schachtel.

Über Jahre hatte ich mich gewehrt, wie eine Katze, die man ins Wasser ziehen will. Aufkommende finanzielle Engpässe wurden ursächlich transponiert und nichts sollte den Ruf der neunzehn- bis mittlerweile siebzehnfach bestückten, vom Zollamt liebevoll versiegelten, blauen Packung besudeln, die ich mit der selben hartnäckigen Stoa bei mir trug, wie einen Herzschrittmacher. Im Laufe der Jahre identifizierte und infizierte ich mich mit dem Markenbewusstsein der gallischen Glimmstängel. Ich kaufte einen Kugelschreiber und ein (zu großes) T-Shirt, das ich nie trug und war im Besitz eines Werbeschildes, was mittlerweile wohl irgendeinem Umzug zum Opfer fiel – sie alle trugen das Gauloises-Emblem. Vor allem aber galt: Ich konsumiere, also bin ich. Meine Fresse, ja ich rauche und ich tu das gern.

In nunmehr zehn Jahren Raucherkarriere fungierte die Zigarette als Pausenfüller („In vier Minuten kommt der Bus…“), als Pausengrund („Mach ich gleich, ich geh noch eben eine rauchen…“), als sozio-aktives Werkzeug („Ah, du rauchst ja auch…“), als postalkoholische Reanimation („Krass. Wo. Sind. Meine. Kippen. …“). Ich habe im Auto geraucht und in den stinkenden Kabinen an Flughäfen, im Duty-Free-Shop gekauft und bin über die Grenze nach Polen gefahren, ich habe auf Familienfesten und auf Parties geraucht, ich habe fast ein Jahr lang Zigaretten selbst gedreht und in New York eine Packung Marlboro aus der Apotheke bekommen.

Mein Habitus passte sich dem kleinen weißen Männchen mit der gelben Mütze an. Restaurants, Bars, Urlaubsorte wurden aufgrund ihrer Raucherfreundlichkeit für tauglich befunden oder nicht. Meine Aufstehzeit orientierte sich daran, dass ich ja den Pegel noch schaffte. Meinen heutigen besten Freund habe ich kennengelernt, als er mir seine letzte Zigarette gab. Es ging sogar soweit, dass ich entgegen dem landläufigen Modus operandi, Nichtraucher diffamierte und jene zu bekehren suchte, die Schachteln zerknüllten, Allen Carr lasen oder sich schlicht von den in die Absurdität steigenden Preisen überzeugen ließen. In dem Mülleimer neben meinem Schreibtisch finden sich eine leere Plastiktüte, ein altes Taschentuch und sechs leere Schachteln Zigaretten.

Heute nun ist Schluss. In einer unwiederholbaren, unwiedergebbaren, unnachvollziehbaren Tour-de-Force von inneren Monologen bin ich zu diesem Punkt gekommen. Es reicht. Es ist zu teuer. Zu sinnlos. Dennoch überkommt mich eine innere Unruhe. Was wird dann? Die letzten Zigaretten sind wie gute Freunde, deren weiße Schwaden ein schwaches, trauriges „Adieu!“ winken. Und offen bleibt nur eine Frage, die ich mir den ganzen Tag schon stelle: Was war – in all den Jahren – die beste Zigarette? Ich komme zu keiner befriedigenden Antwort.

Sonntag, 7. Juni 2009
16:45 Uhr

Ich habe noch drei Zigaretten in meiner Schachtel.
Vielleicht ist es ja eine von denen.

6 Antworten to “Elegie bleu.”

  1. Lupéz said

    Dann bin ich mal gespannt.
    Könnte ein sehr sehr schwieriges Unterfangen werden, gerade in dem Freundeskreis..😉
    Aber ich drück dir die Däumchen und wünsch dir viel Erfolg!

  2. Justus said

    mein weltbild wankt etwas…

  3. usmarcel said

    Ich bin dafür das Hilki auch aufhört! Justus würde man damit allerdings die Seele rauben…das kann keiner verantworten

  4. gringogrossmann said

    Hilki?

  5. usmarcel said

    aaaaaaaaaaa… Es ist mein zärtlicher Kosename für ihn.

    • Lupéz said

      Ich dachte der Kosename bleibt unter uns..
      Ich soll also aufhören? Warum? Ich hab doch noch nichtmal richtig angefangen!🙂

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