1. Oktober 2009

„Natürlich hast du recht. Ganz klar. Einmal davon abgesehen, dass man sich so etwas nicht gefallen lassen sollte.“

Er verstummte einen Augenblick wie um sich zu sammeln. Dann begann er mit neuem Eifer:  „Weißt du, die Lichter werden wohl mein nächstes Thema werden. Ich liebe die Vorstellung dass hinter all diesen glitzernden und leuchtenden Fassaden kein Leben stattfindet. Sie sind nur potemkschke Dörfer, die uns vorgaukeln es gäbe anderes, womöglich intelligentes Leben in unserer Gesellschaft. Du darfst dich davon nicht blenden lassen, denn es sind genau diese Lichter, die verspiegelten Glasfassaden ihrer Büroelfenbeintürme, die das Individuum der Großstadt ins Verderben locken wie Irrlichter im Moor.“

Wieder verstummte er, zog an seiner inzwischen erloschenen Zigarette, deutete mir mit einer Handbewegung ihm noch einmal Feuer zu geben, trank den letzten Schluck seines vermutlich inzwischen schalen Bieres und hob eine Augenbraue.

„Weißt du, ich erzähle das nicht jedem. Du denkst vielleicht ich stünde den ganzen Tag hier herum und predige vorbeikommenden Leuten meine Visionen vom Untergang, aber das ist falsch! Wahre Größe kommt durch das Schweigen. Und überhaupt sind die Wahrheiten, die ich verbreite nicht für jedermanns Ohren gemacht. Sieh es als spezielles Geschenk, unabhängig von deinem Geburtstag, Weihnachten oder sonstigem religiös oder gesellschaftlich verordnetem Feiertag. Das hier heute ist deine Erweckung, ich liefere dir Erkenntnis. Keine endgültige, die wird dir selbst der Tod nicht bringen, aber eine, die die Richtung weißt, die dir als Hilfestellung zu deinen Fragen dienen soll.“

Ich lächelte gequält. Bis gerade war er nur einer von vielen obdachlosen Trinkern gewesen, der für ein paar Euro, ein Bier und Zigaretten alles tat und einmal in der Woche nach der Aufmerksamkeit schrie, die wir alle verdienen. Aber jetzt begann es langweilig zu werden. Er sah an meiner Reaktion, dass ich davor war weiterzugehen und griff nach meinem Arm.

„Warte. Hör mir nur einen Augenblick zu! Ich bin keiner von den Spinnern, die der Aufmerksamkeit wegen Leute ansprechen und eigentlich nur  Zigaretten oder Geld für Alkohol brauchen. Ich bitte dich, ich bin nicht hier um dich zu missionieren, oder dir die Augen zu öffnen. Ich will dir nur eine Frage stellen, eine Frage, die dich näher an das bringt wonach du suchst!“

Jetzt musste ich Grinsen. Er war gescheit, aber nicht geschickt genug. Ich tappte trotzdem in seine Falle. Nur um zu sehen wohin er wollte.

„So, was suche ich denn?“

„Nein, nein, nein, so funktioniert das nicht. Ich brauche dir nicht zu sagen was du suchst, das weißt du am allerbesten und aus meinem Mund würdest du es sowieso als unwahr abtun.“ Seine Fahne gab ihm recht. Langsam wurde es mir zu bunt und ich unterbrach ihn, bevor er den nächsten Satz aussprechen konnte.

„Hör mal, ich fand es echt kurzweilig interessant mit dir zu reden, aber jetzt muss ich wirklich los. Hab noch einen schönen Abend, mach es gut.“

Er  schmunzelte. „Ich weiß, ich wünsche dir auch eine schöne Zeit hier. Nur noch eins: Bist du glücklich? Denn ich bin es.“

Mein Blick wanderte an ihm vorbei zu den Glasstahlbetongebäuden, meine Augen suchten nach einer Uhr, einer Ablenkung um nicht auf seine Frage antworten zu müssen, ich sah die Lichter hinter den Fenstern, die Leute die wie Schattenfiguren in der Laterna Magica den Zauber der Installationen, die den Anschein des alltäglichen, der Beschäftigung jedes einzelnen aufrechterhalten. Ich schlucke, dreh mich zu ihm zurück.

„Weißt du,..“ Beginne ich. Aber ich stehe allein auf dem Bürgersteig. Über mir summt die Neonreklame einer Versicherung, ich betrachte die beleuchteten Werbeposter mit den Gesichtern der demonstrativ glücklichen Menschen, sehe die roten, gelben und weißen Lichter der Fahrzeuge an mir vorbeirauschen und gehe auf die Drehtür des Konzerngebäudes meines Arbeitgeber zu.

„Nein.“ Murmmel ich in mich hinein, „Ganz sicher nein.“

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