Cineatzen – Berlinale 2010.

15. Februar 2010

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich auf einem wirklich namhaftem Filmfestival akkreditiert und besuche seit Freitag wie ein Besessener die Lichtspielhäuser der Hauptstadt um 1. alles zu sehen was mir wichtig erscheint und in meinen Zeitplan passt und 2. natürlich die Kohle die ich rausgehauen habe wieder reinzukriegen (im übertragenen Sinne – mit Akkreditierung und mehr als 10 Filmen sollte das schnell machbar sein..). Die Liebe zum Kino spielt glaube ich auch eine nicht zu unterschätzende Rolle*.

Geschafft habe ich seit Freitag 9 von 10 Filmen die ich mir vorgenommen habe. Seltsamerweise bekam ich Karten für zwei Vorführungen die sich sehr grob um mehr als eine Stunde überschnitten – ich dachte das wäre dank des elektronischen Ausgabesystems nicht möglich – so dass ich auf einen Film verzichten musste. Was aber aufgrund der Quantität und des Schlafdefizits eher von Vorteil war.

Nunja – seit Freitag geht mir also der Gedanke durch den Kopf über die Filme zu schreiben, die ich sah, was ich aber bis heute zeitlich ziemlich gut ausschließen konnte. Ich werde versuchen über jeden Film, den ich gesehen habe zu schreiben – vielleicht ist da draußen ja nur eine einzige Person, die es lesen will und selbst wenn nicht: Ich studiere den Scheiß – irgendwann muss ich anfangen es aufzuschreiben.

Also folgt mir auf meiner Reise durch das Programm der Berlinale 2010.

Beginnen wir mit Freitag und den Filmen Tuan Yuan sowie My Name Is Khan:

TUAN YUAN – APART TOGETHER (Wang Quan’an)

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen 60. Ausgabe des Berlin Film Festivals und die Ehre bekommt er meines Erachtens zu recht. Die Handlung ist knapp resumiert, der Soldat Liu Yansheng reist nach über 50 Jahren im Taiwanesischem Exil zurück in seine Heimatstadt Shanghai um die damals zurückgelassene Liebe seines Lebens wiederzufinden und für den gemeinsamen Lebensabend mit nach Taiwan zu nehmen. Das ganze entpuppt sich natürlich als nicht so einfach, schließlich hat Qiao Yu’e in den letzten fünfzig Jahren den gemeinsamen Sohn aufgezogen und eine eigene Familie gegründet, deren Mitglieder (bis auf den Ehemann) mit der Vorstellung dass ihre Mutter nach Taiwan zieht nicht so glücklich sind.

In ruhigem Ton und schönen Bildern erzählt Wang Quan’an diese Geschichte, ohne zu dick aufzutragen oder neben dem subtilen, tragikkomischen Humor das wesentliche aus den Augen zu verlieren. Nicht nur die ständige Präsenz von Lebensmitteln, die Treffen der Familie zum gemeinsamen Essen und Gespräche über die Zubereitung fernöstlicher Köstlichkeiten machen Appetit auf mehr, auch die Themen die der Film anspricht regen an sich mehr mit den wirklich wichtigen Dingen (Liebe, Leben, Familie und natürlich Essen) zu beschäftigen, es gibt obendrein noch einen schönen Einblick in die chinesische Kultur und Wertvorstellung, sowie die Generation 60+ .

Allein für die Episode der Scheidung des chinesischen Paares (mit augenzwinkernden Seitenhieb auf die volksrepublikanische Bürokratie) zugunsten des Umzugs nach Taiwan ist der Film das Eintrittsgeld wert, aber auch alles andere bereits oben erwähnte – inklusive der Spieldauer von knapp 100 Minuten und die wirklich ausnahmslos gute Arbeit der Darsteller- spricht deutlich für ein lohnendes und schönes Kinoerlebnis.

MY NAME IS KHAN (Karan Johar)

Huijuijuijuijui! Wo soll ich anfagen, wo aufhören?!Ich glaube hätte ich den Film nicht auf der Premiere gesehen und den – mir völlig unverständlichen Hype drumherum mitbekommen – ich müsste wohl ausfällig werden. Alter Finne!

Die Geschichte in weniger als zwei Sätzen zusammenzufassen ist schier unmöglich. Alles, also wirklich alles an ihr ist überzogen und doppelt verdeutlich, dramatisiert und überhöht, übertrieben und was weiß ich alles noch.

Es geht um den am Asberger Syndrom leidenden muslimischen Inder Rizvan Khan, den wir bei einer Flughafenkontrollen in den USA kennenlernen, wo er prompt dank seines Aussehens, und dem niederbeten von Koranversen selbstverständlich ersteinmal profilaktisch verhaftet wird. Natürlich wird er von den Beamten des Flughafenpersonals schikaniert, natürlich verpasst er deswegen seinen Flieger nach Washington und sitzt nun alleine des Nachts an der Bushaltestelle um doch noch irgendwie sein Zeil zu erreichen: Den Präsidenten der USA treffen um ihm zu sagen: My name is Khan and I am not a terrorist.

Soweit so gut. Schließlich leidet er ja am Asberger Syndrom und irgendeinen Grund für dieses Vorhaben wird er schon aufweisen können. Zeitlich gerafftes erzählen scheint nicht die Stärke des Regiesseurs zu sein und so bekommen wir erstmal in aller Einzelheit die Vorgeschichte von Khan mit, immer wieder unterbrochen von den derzeitigen Abenteuern auf seinem Weg zum Präsidenten. Und da ist wirklich alles dabei. Kindheit in Indien mit Autismus, Familiendrama, Glaubenskonflikte zwischen Hindu und Muslimen, Tod der Mutter, Ausreise zum jüngeren inzwischen in den USA erfolgreichen Bruder in die USA, die Arbeit in dessen Firma als Vertreter für Biopflegelotionen, das kennenlernen einer ebenfalls immigrierten, alleinerziehenden hinduistischen (Konflikt, ich hör dir trapsen!) Inderin, die ihr Geld als Friseurin verdient in die er sich natürlich verliebt um sie nach langem „autistischem“ Werben schließlich zu heiraten, über den „American Dream“ mit Haus in den Suburbs, SUV, eigenem Friseursalon der Gattin (a Soccermom – selbstverständlich..) bis zum unausweichlichen Ereigniss 11. September 2001.

Bis dahin hat der Film schon eine gefühlte Laufzeit von mehreren Stunden und ich war mir ob der Fülle an Ereignissen und der unfassbaren Einfältigkeit der Darstellung eines am Asberger Syndrom leidenden Menschen nicht ganz sicher ob ich alles heil überstehen werde, schöpfte aber Zuversicht aus der Tatsache dass dies erstens mein erster Abendfüllender (sic!) Bollywood Filme sein werde – und man sich ja mal auf sowas einlassen sollte bevor man vorschnell urteilt – und der Menge an begeisterten prepubertierenden Mädchen sowie pre- und postmenopausierenden Frauen. Man sollte den Feind kennen und der Versuch den Hype zu verstehen war dann doch verlockend.

Soviel sei gesagt: Der Film ist sicherlich sehr westlich. Es wird wenig gesungen, wenig getanzt und viel versucht die Ästhetik des amerikanischen Blockbusterkinos einzufangen und zu übernehmen.

Ich verrate auf jeden Fall nicht zuviel, wenn ich sage, dass die wirkliche Handlung erst nach den Ereignissen des 11. September 2001 beginnt, der Zuschauer noch kurzzeitig den Afghanistaneinsatz, den Irakkrieg, Guantanamo, Muslimfeindlichkeit (inklusive rassistischer Übergriffe) in den USA präsentiert bekommt, mehrmals George W. Bushs schlechtes Double fast sieht, dann noch Folter, Terrorzellen, einem kleinen Gastauftritt von Hurricane Kathrina unter anderem Namen und in anderem Bundesstaat, baptistische afroamerikanische Gemeinden die ein wenig zu sehr aus Onkel Toms Hütte abskiziert scheinen, untätige unfähige Polizeibeamte, hochinvestigativer Journalismus (natürlich aus dem Untergrund von journalistischen Laien), bis hin zur Obamamanie (inklusive schlechtem Double (woher kommt mir das nur bekannt vor?!)) wird einem nocheinmal alles aufgetischt was das letzte Jahrzehnt so zu bieten hatte. Und ich habe ganz sicher noch fünfzig Dinge vergessen die noch unkommentiert eingebunden wurden (außer Sex, Jesus, Meinungsfreiheit, Heldenverehrung, Feigheit, Anpassung (das Gegenteil von Mut in den meisten Gesellschaften..😉 und, und und und…). Wirklich alles an diesem Film stinkt nach Klischee und schreit lauthals nach Wahrnehmung. Khan wird uns als neuer Jesus präsentiert und wenn es nicht so überzogen wäre könnte es lustig sein, oder ich habe einfach ob der Fülle an Tragik, Schmalz und KLISCHEEEES den Witz nicht verstanden.

Wenn das alles so gemeint und richtig ist liebe Bollywoodfans: I don’t get it, and honestly – I don’t care!

Ich werde mir vermutlich nicht so schnell noch einmal einen Bollywood Film ansehen, empfehle jedem der Zweifel hat ob er das bei diesem Film tun soll oder nicht, die Zeit lieber in andere tolle Dinge zu investieren (Masturbation, besinnungslos betrinken oder einfach mal das Schlafdefizit nachholen, bzw. die alten Tetris Highscores noch einmal knacken. Ihr könnte auch eure Briefmarkensammlungen ausmisten oder das alte Vinyl endlich mal reinigen. Es gibt soviele tolle Sachen die man machen kann. Werft eure Leben nicht weg – vor allem nicht 165 Minuten in irgendeinem dunklen Raum mit diesem Film! Ernsthaft. Seid vorsichtig..

Andererseits lässt sich der Film unter dem Einfluss von genug alkoholischen Getränken oder sonstigen Betäubungsmitteln eurer Wahl sowie mehreren guten Freunden bestimmt gut ertragen. Ohne Ernsthaftigkeit ist es eine köstliche (und sehr, sehr lange!) Angelegenheit.

Für Fans vermutlich ein Hochgenuss, für alle anderen ist wie schon gesagt vorsicht geraten. Nichts muss, alles Khan.

AARRGGHHH!!

(Und jetzt beiß ich in die Tischplatte. Dein Herz, Lupéz, dein Herz!)

In den nächsten Tagen reiche ich dann noch Samstag und Sonntag nach mit Highlights wie „SHUTTER ISLAND, THE GHOSTWRITER, HOWL, SEX&DRUGS&ROCK&ROLL“, Banksy’s „EXIT TROUGH THE GIFT SHOP“ und die beiden rumänischen Produktionen „PORTAIT OF THE FIGHTER AS A YOUNG MAN“, sowie „IF I WANT TO WHISTLE, I WHISTLE“.

*Liebe im Sinne von Aufopferung und Selbstzerstörung. Die Zeiten zwischen den einzelnen Filmen rauschen nur so an mir vorbei, ich bewege mich wie in Trance von Kino zur Bahn, schnell an Imbissbuden und Kiosken vorbei um noch mehr Cola, Fast Food und Süßigkeiten zu konsumieren, damit der Körper mitspielt und des Gehirn wachbleibt, zurück ins Kino und das ganze wie gesagt seit Freitag auf Repeat. Nicht zu vergessen dass ich täglich um kurz nach sechs aufstehe um an meine Karten für den Folgetag zu kommen bevor die restlichen Cineatzen sie mir wegkaufen.
That shit is tough. Meine grob vernachlässigte Frau erzählt mir vor dem Schlafen gehen, ich spräche des Nachts in fremden Zungen. Und es sind wohl mehr als nur Wortfetzen. Mein dauerkonsumierendes Gehirn macht also was es will und würde ich nicht Abends vor Erschöpfung glückselig ins Bett fallen und jede Nacht für fünf Stunden schlafen, ich hätte schon längst angefangen Seife aus dem abgesaugten Fett reicher Frauen zu produzieren und mich des Nachts mit fremden Männern auf Parkplätzen zu prügeln.

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