Cineatzen II – Berlinale 2010.

17. Februar 2010

Zweiter Tag: Samstag 13.02.2010

HOWL – THE GHOSTWRITER – PORTRAIT OF THE FIGHTER AS A YOUNG MAN

Wie jeden Tag in meinem Leben seit dem 12.02.2010 (ich erinnere mich noch ganz genau!) stehe ich zu früh auf, trapse schlaftrunken zum Potsdamer Platz und warte darauf um 8:30 Uhr meine Karten entgegen zu nehmen. Wie sich heute im Büroflurfunk herrausstellt (ich hatte da soetwas vermutet, aber nie wirklich drüber nachgedacht) kriegt man als einer der ersten Anwesenden immer die Premierenkarten, was auch erklärt, dass ständig vor und nach den Filmen mit Mitgliedern der Crew und Machern geredet wird. Nunja, wie schon vorher angedeutet ist mein Verstand momentan nur auf die Verarbeitung und Aufnahme der Celluloidbilder auf der Leinwand eingestellt, da kann einem soetwas schonmal entgehen.

Heute schreibe ich also über „HOWL“, eine Hommage an Alan Ginsbergs gleichnamiges Gedicht (eigentlich eher den ganzen Gedichtband), Polanskis neuen Film „THE GHOST WRITER“ und den rumänischen Film „PORTRAIT OF THE FIGHTER AS A YOUNG MAN“ über Kämpfer im anti-kommunistischen Widerstand der 40er und 50er Jahre.

Eigentlich wollte ich noch David Sievekings Film „DAVID WANTS TO FLY“ sehen, der Überschnitt sich aber mit dem „PORTRAIT OF A FIGHTER AS A YOUNG MAN“, was die Berlinale Leute nicht abhielt mir eine Karte für beide Filme zu geben. Nun denn, auf geht’s!

HOWL (Rob Epstein & Jeffrey Friedman)

Der Film handelt vom Prozess gegen Lawrence Ferlinghetti, Ginsbergs Verleger, der als Publizent von HOWL AND OTHER POEMS in die Kritik geriet und dem Vorwurf der Publikation obszönen Materials ausgesetzt wurde. Das ganze basiert auf den wahren Ereignissen, behandelt in dokumentarischer Form die Entstehungsgeschichte des Gedichtes, schneidet nebenbei immer wieder in die Geschichte der Beat-Generation und ihrer Helden und visualisiert das omniüräsente Gedicht mit wundervollen Animationen zwischen 3D Grafiken und collagenartigen Mustern. Natürlich bleibt auch der Autor selbst nicht unerwähnt, der dem Erzähler als Interviepartner gegenübersteht (James Franco mit einer wirklich guten Leistung!) und neben Zigarette und Tee immer wieder Anekdoten aus seinem Leben und Schaffen einfließen lässt.

Vorwissen ist sicherlich hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig. Howl wird einem immer wieder sehr eindringlich präsentiert (was nicht stumpfsinnig oder wiederholend ist, ganz im Gegenteil – es sorgt dafür dass man es immer wieder tiefer verinnerlicht und auf andere Aspekte gestoßen wird. Eine filmische Gedichtsanalyse quasi.) und die ganze Geschichte der Beatniks nach und nach aufgelöst und eingebunden. Die Animationen sind wirklich sehr gelungen und gut eingefügt, die Leistungen der anderen Darsteller neben James Franco auch sehr solide, und die Gerichtsszenen wirklich ob ihrer – aus heutiger Sicht gesehenen – Komik sehr aufheiternd und amüsant. Die Art und Weise wie die Anklage vom Verteidiger langsam aber sicher untergraben wird, so dass der Ankläger lieber schweigt als etwas zu sagen, da er sonst verbale Fäuste fliegen lassen müsste, zeigt den Generationskonflift der – unter anderem – zur Protesthaltung und ergo dem Schaffen der Beatniks führte.

Jedem der sich auch nur ein wenig fürs Thema interessiert ist der Film unbedingt empfohlen, alle anderen die „nur“ ein gesteigertes Interesse für gute Literatur aufweisen sei gesagt: er ist das Geld wert, welches ihr dafür bezahlen werden müsst. Und man lernt ja schließlich nie aus, dank diesem Film aber ein wenig mehr.

Everything is holy! everybody’s holy! everywhere is holy! everyday is in eternity! Everyman’s an angel!

THE GHOST WRITER (Roman Polanski)

Literaturverfilmung nach Robert Harris über einen namenlosen Autor (Ewan McGregor), der die Memoiren des ehemaligen britischen Premierminister Adam Lang (Pierce Brosnan, mit guter Leistung) fertigstellen soll, nachdem sein Vorgänger bei einem Unfall ums Leben kam.

Natürlich erweisen sich die Umstände des Todes als äußerst seltsam und alle Personen in der Gegenwart Langs, inklusive diesem selbst scheinen mehr zu verbergen als sie zuzugeben bereit sind. Als dann noch Lang wegen geheimdienstlichen Verwickelungen während seiner Amtszeit vor dem internationalem Strafgerichtshof angeklagt wird beginnt es für alle Beteiligten ernst zu werden..

Polanski. Auch der große Name hilft nicht unbedingt aus einem relativ gutem und aktuellem Thema einen außergewöhnlichen Film zu machen. Verschwörungen, Politthriller und gute Spannende Plots mit vielen (oder dem einen) entscheidendem Twist hat man so oder auch anders (und sicherlich auch besser) schon oft gesehen.

Der Film ist gut, keine Frage. Leistung der Darsteller befriedigend, schöne Kameraarbeit, die Musik ist gut eingesetzt und auch die Story spannend und interessant, aber das alles scheint mir für jemanden wie Polanski nur eine kleine handwerkliche Übung seines Könnens gewesen zu sein. Vielleicht steht mir der große Name bei der Bewertung etwas im Weg – aber irgendwie habe ich mehr erwartet als einen Tom Clancy- , bzw. Frederick Forsith-esken Thriller.

Trotzdem kann man sich ihn problemlos anschauen und wird 2 Stunden gut unterhalten werden.

PORTRAIT OF THE FIGHTER AS A YOUNG MAN (Constantin Popescu)

Was für ein Schlag in die Fresse dieser Film. Unglaublich!

Vor dem Hintergrund des anti-kommunistischen Widerstands präsentiert uns Constantin Popescu die Geschicht von Ion Gavrilă-Ogoranu und seiner Gruppe von Partisanen, die in den Bergen und Wäldern der Karpaten den Häschern des kommunistischen Regimes zu entgehen und somit Folter oder Exekution bei Gefangennahme. In ruhigen, manchmal etwas schwindelerregenden Steadycam Bildern folgt man der Gruppe, die immer tiefer in ihren „Kampf“ gleitet und langsam aber sicher feststellen muss, dass weder der Westen zu Hilfe kommen wird, noch die Schlacht gegen den übermächtigen Gegner zu gewinnen ist. So folgen wir also den Protagonisten für fast drei Stunden durch die Jahreszeiten, auf der Nahrungssuche und von einem Versteck zum nächsten oder beim Besuch der Familie im Heimatdorf bis hin zur unausweichlichen Konfrontation mit dem staatlichen Exekutivpersonal.

Nebenbei sehen wir genau dieses, wie es seiner Arbeit nachkommt die zurückgebliebenen, festgenommenen oder zurückgekommenen Widerständigen zu „verhören“, oder den Bezirksleiter, der sein Verständnis des Systems und der Regeln und deren Auslegungen seinen Untergebenen darstellt.

Nicht viel passiert in diesem Film, aber all das passiert sehr langsam und intensiv. Die Filmlänge (der lang ist, aber ohne wirkliche Längen) intensiviert nur das Gefühl und die Erkenntnis des Zuschauers Todgeweihte dabei zu beobachten wie sie einer Illusion nachgehen, die bereits aussichtslos war, als sie nur eine hehere Freiheitsutopie war. Die Spannung nährt sich ganz allein aus der Ungewissheit was passieren kann und dem Wissen, dass es ganz sicher passieren wird. Die Kamera bleibt dabei häufig nah an den Protagonisten dran und offenbart dem Zuschauer deutlich deren Charakterzustand. Die Landschaft ist nur nebensächlich. Ab und an wird sie mit schönen, großen Bildern präsentiert und es erschließt sich das Panorama in welchem die Handlung stattfindet, aber oft sieht man eben nur das: Wald, Wiesen und unübersichtliche, kleine Räume in eben diesen.

Der Film ist wirklich intensiv. Die Darstellung der Gewalt ist manchmal sehr zentral, aber nie übertrieben, sondern einfach real, was den wirklichen Schrecken ausmacht. Neben der offensichtlichen gibt es noch die zweite Ebene der Gewalt, die sich in den Gesprächen, Gedanken und Handlungen der Protagonisten manifestiert und viel intensiver ist, als es die blutigen oder brennenden Folteropfer je sein könnten. Ja, auf soetwas muss man sich einstellen.

Der Film verschönt oder wertet nicht, er stellt einfach nur dar. Und was wir sehen ist umso schrecklicher dadurch das es so real, so „menschlich“  ist.

Noch Stunden danach war ich völlig umgehauen diesen Film aufgetischt bekommen zu haben und jetzt noch fällt es mir schwer groß darüber zu erzählen oder nachvollziehen zu können was ich da genau gesehen habe. Die Realität schlägt die Fiktion um Längen und fickt einem ganz schön den Kopf – unfassbar wozu der Mensch fähig ist.

Und dankbar ging ich nach Hause dafür, nicht mit Gewalt für meine Ideologien und Freiheiten kämpfen zu müssen.

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Morgen dann: „IF I WANT TO WHISTLE, I WHISTLE, SHUTTER ISLAND, SEX&DRUGS&ROCK&ROLL“ und den Lieblingsbeitrag der Feuilleton: „EXIT TROUGH THE GIFT SHOP“. Das wird ein Fest, Hujjuijui!

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