Cineatzen III – Berlinale 2010.

18. Februar 2010

Dritter Tag: Sonntag 14.02.2010

I I WANT TO WHISTLE, I WHISTLE – SHUTTER ISLAND – SEX&DRUGS&ROCK&ROLL – EXIT TROUGH THE GIFT SHOP

Was für ein Tag. Grob 410 Minuten Nettozeit im Kinosaal und mindestens zwei sehr gute Film.

IF I WANT TO WHISTLE, I WHISTLE (Florin Serban)

Mein zweiter rumänischer Film und nach PORTRAIT OF THE FIGHTER AS A YOUNG MAN konnte es nur normaler/eingängiger/einfacher und friedlicher werden. Das war schonmal eine gute Vorraussetzung für den frühen Sonntagmorgen.

Der Film handelt vom jungen Knasti Silviu, der seine Zeit bald abgessen hat und plötzlich erfährt, dass seine lange abwesende Mutter zurückgekommen ist um Silvius kleinen Bruder mit zu sich nach Italien zu nehmen. Silviu, der seinen kleinen Bruder im Alleingang erzogen hat will das nicht zulasse, ist aber aufgrund seiner Inhaftierung relativ machtlos etwas dagegen zu unternehmen. Trotzdem wird er aktiv..

Der Darsteller des Silviu ist keine schlechte Wahl gewesen und die Inszenierung macht es  sehr einfach seine Handlungen nachzuvollziehen und sich größtenteils mit ihm zu identifizieren, die Nebendarsteller sind ebenfalls gut gewählt. Eine gewisse Seriösität bekommt der Film auch dadurch, dass viele Darsteller wirklich im Jugendknast sitzen.  Es macht die Geschichte und die Geschehnisse glaubhafter (Nein, glaubhaft ist sie so oder so, ich glaube das Wort was ich suchte geht in Richtung realer/natürlicher (selbst-verständlicher?)) – wäre vermutlich aber auch nicht unbedingt nötig gewesen.

Die Geschichte entwickelt sich langsam und nachvollziehbar, die Kameraarbeit ist in manchen Aufnahmen mit der Steadycam etwas zu wackelig (aber nach allem was ich so in den letzten Jahren gesehen habe scheint dass ja nichts schlechtes zu sein) und man bekommt einen guten Film aufgetischt, der sich wohl am besten in die Kategorie „junges europäisches Autorenkino“ eingliedern lässt.

Fans vom Autorenkino sei der Film empfohlen, jeder der Filme zur puren Unterhaltung betrachtet wird hiermit sicherlich nicht glücklich werden.

SHUTTER ISLAND (Martin Scorsese)

Große Namen, große Erwartungen. Wie bei Polanski bin ich auch in den neuen Scorsese mit einer hohen Erwartungshaltung gegangen, ich setze gute Dramaturgie, schöne Bildinszenierung, passenden, nahezu perfekten Einsatz des Soundtracks und natürlich eine gute Darstellerinszenierung quasi per se vorraus (wobei die großen Namen natürlich ihren Teil dazu beitragen, dass ich ebenfalls von guten Darstellerleistungen ausgehe!), so dass mich meine Erwartungshaltung schonmal groß enttäuschen kann.

(Wie damals, wisst ihr noch – dieser Star Wars Animationsfilm mit Ewan McGregor und Liam Nesson?

Nun ja – Di Caprio spielt seinen Teil gut runter und sieht diesmal richtig scheiße aus. Richtig schön runtergekommen der gute Teddy Daniels. Ben Kingsley muss man vermutlich nicht extra erwähnen, ich glaube fast der kann alles spielen und es ist immer das gleiche, aber immer gut.

Leo spielt also den US-Marshall Teddy Daniels, der mit seinem neuen Kollegen Chuck nach Shutter Island geschickt wird um das mysteriöse Verschwinden einer Insasse der psychatrischen Anstalt auf dieser Insel zu klären. Die Insel beheimatet nur diese Anstalt, hat nur einen einzigen Ausgang und liegt mehrere Meilen vor der Küste, zudem verschwand die Dame ohne eine einzige Spur aus ihrer verschlossenen und vergitterten Zelle. Grund genug mistrauisch zu werden. Daniels forscht also nach, stößt überall auf Ungereimtheiten und schweigsames Personal und versucht nebenbei noch mit seinen eigenen Dämonen aus Ehe und Weltkriegserfahrung klarzukommen. Und dann gibt es da noch diesen omiösen Andrew Laeddis, dessen Aufenthaltsort Daniels unbedingt rauszufinden versucht.

Und schon ist man drin im neuen Scorsese. Die Vorlage scheint mir ein 1A Psycho Thriller zu sein, der in der Form sicherlich ganz vorne bei Thalia in der Taschenbuchvariante direkt neben Dan Brown liegt. Kurz: Nicht so meins. Kann man sicherlich gut im Urlaub zu Unterhaltungszwecken lesen. Aber das bedeutet ja nicht, dass man keinen guten Film daraus machen könnte.

Ersteinmal: ein schlechter Film ist Shutter Island sicherlich nicht. Dafür sprechen einfach genug Dinge dagegen (Kamera, Darsteller, Inszenierung um nur die wichtigsten zu nennen). Allerdings ist dann doch recht durchschaubar wie der Hase läuft. Natürlich werden ein paar falsche Fährten gelegt, aber mein Verdacht vom ersten Moment bestätigte sich am Ende und mehrmals tauchen sehr deutlich Hinweise auf das wirkliche Geheimnis über die Insel und den mysteriösen Fall auf.

Ich muss zugeben, dass ich auch mit mehr Spannung und Silent Hill mäßigen Wanderungen durch dunkle Anstaltsflure gerechnet hatte. Nicht das es davon nicht genug geben würde, nur war mir die Grundspannung teilweise nicht intensiv genug. Nie habe ich mich wirklich gesorgt, dass irgendwem irgendetwas schreckliches passieren würde. Nun gut.

Zwei weitere Dinge, die mich sehr gestört haben waren zum einen die Musik: An manchen Stellen protzt der Film mit seinem hammerharten auf Suspense angelegten Soundtrack und es dröhnt nur so aus den Boxen, während man auf der Leinwand nur die Ankunft der Marshalls in der Anstalt sieht. Und da sind wir schon bei meinem zweiten Kritikpunkt: Das visuelle. Teile der Landschaft, der Anstalt und dem Rest der Insel, sowie in manchen Szenen das Meer, Hintergrund und Horizont wirken so künstlich aufgesetzt, manchmal so drastisch überzeichnet oder einfach zu offensichtlich animiert, dass man sich fast schon persönlich beleidigt fühlt. Meine Herren, für einen Film solchen Formates muss man doch etwas tiefer in die Tasche greifen und solche Kleinigkeiten ausbügeln. Aber vielleicht weiß ja jemand ob gerade dieser Kritikpunkt ob der Geschichte genau so gewollt ist? Mich hat es auf jeden Fall irritiert.

Well, to end this: Guckt ihn euch an, wenn ihr Psycho-Thriller, DiCaprio, Kingsley, Scorsese oder sonstwem aus dem Cast mögt, genießt die gute Unterhaltung, aber erwartet nicht Scorsese Meisterwerk oder einen weiteren großen Wurf nach The Department.

(Gut, vielleicht ändert ja ein zweiter Blick meine Meinung, aber ehrlich gesagt habe ich daran so irgendwie garkein Interesse.)

SEX&DRUGS&ROCK&ROLL (Mat Whitecross)

direktBillericay Dickie

Vor gut zwei Wochen stellte mir meine Freundin obiges Lied vor, amüsierte sich köstlich darüber, dass ich es nicht kannte und weitere zwei Wochen lang, dass ich es nicht schaffe mir Text oder Titel zu merken aber trotzdem ständig Fetzen daraus vor mich hinstammel.

Als ich die Filmbeschreibung durchlas, wusste ich weder wer Ian Dury ist (war), noch welche Art Musik ich zu erwarten hätte. Das änderte sich prompt, nach dem der Film mit Billericay Dickie eröffnete und mich erstmal glückselig grinsend in meinen Sessel drückte.

Jetzt war mir alles egal. Kann kommen was will, der Film kann ja garnicht schlecht sein. Blöd nur das meine Freundin nicht da war um dieses Ereignis mitzuerleben und womöglich ein weiteres Mal über mich zu triumphieren (obwohl – das ist doch eigentlich nur von Vorteil. Sie heben ja leicht ab, diese Frauen..).

Ich bekam also was ich erwartet hatte und noch ein wenig mehr, nämlich einen abgefahrenes Biopic über Ian Dury, jede Menge gute Musik, einen guten Einblick in die Punk und Rockmusikszene der 70er im UK, einen handwerklich soliden Film, die wunderschöne Olivia Williams (in die ich mich schon in Polanskis Ghost Writer verguckt habe), Sex und Drogen und Rock and Roll und als Sahnehäubchen noch die geniale Darbietung von Andy Serkis.

Alter Finne, was kann dieser Mann eigentlich nicht? Und warum überschüttet ihn keiner mit Preisen ohne Ende? Allein für seine Darstellung von Ian Dury ist der Film das Eintrittsgeld wert.

Den Musikinteressierten empfehle ich unbedingt den tragikkomischen Film anzusehen, aber auch für jeden der sich für die 70er Jahre in irgendeiner Form interssiert und/oder noch nicht oft genug gesehen hat, was Rockstars in ihrem Privatleben so treiben ist dringend geraten bei Möglichkeit diesen Film zu gucken.

EXIT TROUGH THE GIFT SHOP (Banksy)

Egal was der vermutlich beste unbekannte Künstler unseres Planeten produziert ist es wert genauer betrachtet zu werden. Das trifft ganz besonders auf seinen ersten Film zu. Nachdem der Zuschauer einen kurzen Einblick in die Kultur der Streetart, ihre Akteure und die Entstehung bekommen hat, kriegt man ersteinmal Lust sich eine Dose zu schnappen und die Wände der Nachbarschaft grafisch umzugestalten. Danach präsentiert uns Banksy eine wirklich unterhaltsame Dokumentation über Thierry Guetta – der auszog eine Dokumentation über Bankys zu machen – und erlebt wie dieser den Spieß umdreht und dem Zuschauer Guetta präsentiert. Vom Anfang bis zum Hype und der Ankunft in den Galerien, der Frage nach legalität und Kunst, der Figur des Künstlers und dem Sinn und Zweck der Straßenkunst springt der Film hin und her zwischen Interviews und Originalaufnahmen namhafter Künster der Szene, die ihre Meinungen, Ideen und Antriebe präsentieren und dabei ordentlich austeilen gegen die Kommerzialisierung, den etablierten Kunstbetrieb und eine Lobhudelei auf die freie kreative Meinungsäußerung abfeuern, wie man sie so noch nicht gesehen hat.

Von der ersten bis zur letzten Minute macht der Film Spaß und obwohl er jede Menge offene Fragen hinterlässt, weckt er zum einen das Interesse an einer nicht mehr wegzudenkenden Subkultur und stellt die Frage wer eigentlich wen beobachtet und wer mit wem seine Spielchen treibt. Egal ob am Thema interessiert oder nicht: Der Film ist jetzt schon Pflichtektüre und meiner Meinung nach Maßstab für das was an Dokumentationen über die Streetart noch so kommen mag.

direktdurchdenGeschenkeladen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: